… oder Warum Mülltonnen angucken (ent)spannender ist als zu twittern

Die ersten 24 Stunden Digital Detox sind überlebt. Wie es sich bisher anfühlt? Eigentlich ganz gut. Seltsam ist das fehlende Zeitgefühl, vor allem nachts. Eventuell werde ich doch den alten Wecker rauskramen.

Die Nacht war eigentlich sehr entspannend und der Morgen ist es auch. Aufgrund fehlender Beschallung durch den Podcast, frage ich meinen Mann ob er mit mir frühstücken möchte. Normalerweise frühstückt er immer erst später doch heute gesellt er sich zu mir – ich freue mich sehr.

Heute möchte ich mit meiner Mutter einkaufen gehen. Normalerweise schreibt sie mir immer eine kurze Nachricht wenn sie los fährt, sodass ich mich bereit stellen kann und sie nicht extra klingeln muss. Heute ruft sie an: „Ich komme etwas später.“ Kein Problem denke ich, doch was ist „etwas“?

Ich habe schon wieder aufgelegt und denke ich rufe jetzt nicht nochmal an um nachzufragen.

Also setze ich mich an den Küchentisch und warte.

Achtsamkeit statt Nachrichtenflut

„Etwas“, das können fünf Minuten sein, oder fünfzehn oder wenn es hoch kommt zwanzig. Ich überlege noch irgend etwas anderes zu machen, doch dann habe ich die Straße nicht mehr im Blick und sehe nicht wann sie kommt.

Was würde ich sonst in so einer Situation tun? Ich würde am Handy spielen, Twitternachrichten lesen oder Whats App schreiben. Nun gucke ich raus aus dem Fenster. Wie die alten Leute, denke ich.

Es regnet und ich beobachte wie ein Regentropfen an einem Blatt hängt. Wird er gleich abfallen?

Mir fällt mein Achtsamkeitsseminar von vor ein paar Monaten ein.

„Bei einer Achtsamkeitsübung beobachtest du alles so, als würdest du es das erste Mal sehen.“

höre ich die Stimme der Lehrerin. „Das kannst du mit allem machen, egal was es ist.“

Ich betrachte die gelbe Mülltonne des Nachbarn.

Man solle sich vorstellen, man sei aus der Steinzeit angereist und würde jetzt zum ersten Mal eine Mülltonne sehen, meinte die Lehrerin damals.

Ich beginne über die Mülltonne nachzudenken und werde immer ruhiger und ruhiger. „Wieso ist sie gelb? Wieso hat sie ein Deckel? Was sind das für Zeichen da drauf? Was macht man damit?“

Nach zehn Minuten achtsamen Mülltonnen betrachten merke ich, wie jegliche Anspannung von mir gefallen ist. Das hätte Twitter wohl nicht geschafft.

 

Der Einkauf lief auch ohne Handy unproblematisch. Nur ein- zweimal wollte ich intuitiv in meine Handtasche greifen, doch dann fiel mir schnell wieder ein, dass es ja nun erst Mal kein Handy gibt.

Am Nachmittag fahre ich sofort in die Bücherei. Nach etwas Suchen werde ich fündig und finde Entspannungs-CDs. Wunderbar dann dann kann ich auch ohne YouTube oder Handy Übungen machen. Glücklicherweise haben wir noch einen letzten CD Player im Haus, sodass ich am Abend die Entspannungsübung machen kann.

 

Allein, allein…

Die Entspannung ist auch notwendig, denn irgendwas in mir beginnt sich Sorgen zu machen. Noch niemand hat angerufen, niemand hat eine Mail geschrieben. Ist bei den anderen alles in Ordnung? Ist vielleicht doch jemand sauer?

Ich überlege meine Freunde auf ihrem Handy anzurufen, doch dann fällt mit ein, das jegliche Handynummern nur auf meinem Handy gespeichert sind. Also verwerfe ich die Idee wieder.

Wie kann es nur soweit gekommen sein? Man hört 24 Stunden nichts von jemandem und ist besorgt. Früher haben die Menschen Tage, Wochen oder sogar Monate keinen Kontakt zu ihren Liebsten gehabt.

Ich überlege, wie meine letzte Nachricht auf WhatsApp war, hatte ich geschrieben: „Wenn etwas ist meldet euch?“?, dann „Ist“ vielleicht gar nichts. Schließlich sind die meisten Nachrichten, die man sich schickt, im Grunde genommen überflüssig. Vielleicht verwechseln die anderen Digital Detox auch einfach mit „Ich brauche nur noch meine Ruhe“. Ja klar, die brauche ich, aber ich brauche die Ruhe vor dem Internet und nicht vor euch… 

Digital Detox Tag 2

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