Als ich die Ausbildung zum psychologischen Berater gemacht habe, stellte meine Dozentin eins als erstes klar: „Der Begriff Berater lässt schnell an Ratschlag denken. Doch wir geben keine Ratschläge, könnt ihr euch auch vorstellen warum?“

 

Warum sind Ratschläge eigentlich so schlecht?

Eins vorweg: Ratschläge sind eigentlich immer gut gemeint. Man denkt darüber nach was einem geholfen hat und gibt das ganze als Ratschlag weiter. Ein Beispiel. Person A klagt, dass er seit Wochen immer wieder Kopfschmerzen hat und er bekommt von seinem besten Freund den Ratschlag: „Du musst einfach mehr trinken.“

Mal ganz abgesehen davon, dass MUSS an sich schon eine ungünstige Formulierung ist, da man nichts MUSS außer sterben (wieso erfahrt ihr hier), wieso könnte Person A noch verletzt sein?

Mit etwas Empathie versteht sich die Situation von alleine. Denn wer seit Wochen unter Kopfschmerzen leidet, kam höchst wahrscheinlich schon von selbst auf die Idee mal mehr zu trinken und hat es vermutlich auch schon probiert. Wenn er nun den Satz hört wird er sich vermutlich veralbert fühlen.

Er hat sich mit seinem Leid jemandem anvertraut und wurde vor den Kopf gestoßen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten.

Entweder er sagt: „Ich trinke 3 Liter am Tag, das sollte wohl genug sein“. Und sein Freund wird mit weiteren Vorschlägen kommen wie z.B. „Geh doch mal zum Arzt.“ oder „Nimm halt ein Schmerzmittel“.All das sind gut gemeinte Ideen mit denen der Freund Person A helfen will. Denn noch bleibt die Situation unverändert, denn auf all diese nahe liegenden Dinge ist Person A natürlich schon selbst gekommen.

Oder Person A ignoriert den Ratschlag und umgeht das Thema, da er weiß dass er hier keine Unterstützung erwarten kann. Und so wird er nach und nach zu einem einsamen Menschen mit Schmerzen.

 

Oft will man gar keine Ratschläge

In unserer Situation geht der Freund automatisch davon aus, dass Person A sich mit seiner Aussage „Ich habe Kopfschmerzen“ Hilfe erwünscht. Doch vielleicht ist das ja gar nicht der Fall. Denn nur weil der Leidende sagt, dass er Kopfschmerzen hat, heißt das ja noch lange nicht, dass er sich von seinem Freund eine Heilung erhofft. Im Gegenteil, er weiß sicher genau dass auch sein Freund nichts an seinen Kopfschmerzen ändern kann, doch trotzdem teilt er es  ihm mit.

Vielleicht möchte er damit erklären wieso er in letzter Zeit nicht so gut gelaunt ist oder er möchte einfach ein paar mitfühlende Worte hören, wer weiß das schon?

Hier wäre es also mal wieder an der Zeit die drei magischen Worte zu formulieren : Was brauchst du?

 

Doch kommen wir zurück zum Berater

Zum Berater kommen die Menschen meist mit anderen Sorgen als mit Kopfschmerzen. So könnte jemand kommen der nicht weiß ob er sich von seinem Partner trennen soll oder nicht. Ein guter Berater wird ihm auf gar keinen Fall zu einer Entscheidung raten.

Denn woher soll der Berater wissen was das Richtige ist? Alle Ratschläge die der Berater geben könnte, würden sich aus seiner eigenen Geschichte und seinem eigenen Blickwinkel ergeben.

Ein Berater der seit Jahren in einer glücklichen Beziehung ist, würde vielleicht sagen: „Ach geben sie mal nicht so schnell auf“. Ein Anderer, der vielleicht selbst unglücklich ist, würde sagen „Trennen Sie sich, und genießen sie das Leben. Alleine ist es eh viel besser.“

Doch beide Vorschläge wären nur das was der Berater machen würde wenn er in der Situation des Klienten wäre. Der Klient hat eine ganz eigene Geschichte, eigene Erfahrungen und einen eigenen Charakter. Daher kann nur er SELBST wissen, was das richtige für ihn ist.

Und da er es momentan offenkundig nicht weiß, sonst wäre er ja nicht in der Beratungssitzung, kann der Berater versuchen mit verschiedenen Fragen oder Interventionen Licht ins Dunkle zu bringen. So wird dem Klient sein Inneres nach und nach Klarer und er kann SEINE Entscheidung fällen.

Wieso Ratschläge auch Schläge seien können

2 Kommentare zu „Wieso Ratschläge auch Schläge seien können

  • 15. November 2018 um 21:35
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    Guter Eintrag! Den würde ich am liebsten meiner Familie schicken. :D
    Z. B. meine Oma mag ja viel Lebenserfahrung haben, aber wenn ich sie frage, wie ich ihren Ratschlag auf meine Situation übertragen kann, heißt es: „Ich weiß auch nicht. Sowas hat es früher nicht gegeben.“

    Deswegen fand ich die Beratung bei dir auch sehr erfrischend! ;)

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    • 15. November 2018 um 22:25
      Permalink

      Danke für das liebe Lob bezüglich der Beratung :)
      Ja Lebensweisheiten können in vielen Fällen auch etwas gutes sein (Ich hab ja in meinem Blog schon über die ein oder andere Lebensweisheit meiner Eltern gesprochen wie z.B. „Ich muss gar nichts, außer sterben“ ) Doch in einer konkreten Situation kann man nur selbst entscheiden was das Richtige ist, da nur man selbst in der Situation steckt und auf der Basis der eigenen Gefühle, der eigenen Erfahrungen etc. entscheiden kann.

      Antworten

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